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Das Wort "Wahrnehmen" ist ein sehr interessantes. Wir nehmen etwas für wahr. Darin steckt schon der Hinweis auf den fundamentalen Selbstbetrug der absoluten Erfahrbarkeit. Wir alle wissen, dass wir in einer Welt aus statischen aber willkürlichen Konventionen Leben. Folgerichtig ist unser Selbstbild nur eine Konvention. Das nagende Gefühl, dass da etwas nicht ganz stimmt ist da. Da ist etwas, dass verloren gegangen ist und wir machen die Welt dafür verantwortlich. Wieder so eine Konvention.
Ich hatte schon immer ein intuitives Interesse am Buddhismus, konnte es aber erst artikulieren nachdem ich 15 Jahre lang erfolglos versucht habe in meiner Depression eine interne Logik zu finden. Ich ging Reisen. Wie kann es ein Ich geben wenn ich jeden Tag beobachten kann wie sich meine Wirklichkeitsauffassung um meine Stimmungsschwankungen biegt wie das Sonnenlicht um die Schwerkraft? Wie kann es ein Ich geben wenn ich beobachten kann wie mein Ego nach jedem Strohhalm greift der sich anbietet um meinen Opferkomplex zu rechtfertigen? Wie kann es ein Ich geben wenn ich mich von meinen eigenen Gedanken entfremde und meiner eigenen Ignoranz gewahr werde? Da ist kein Ich. Warum versuche ich dann ein statisches Selbstbild aufrecht zu erhalten? Der Menschliche Verstand ist nicht dafür geschaffen in statischen Konventionen zu denken.
Zu dieser Zeit kam ich an einem Kloster des Theravada Buddhismus vorbei. Der Buddha lehrte das Dhamma. Die Zweite Lektion die der Buddha gab handelt von der Unpersönlichkeit. Das war die Verbindung nach der ich gesucht habe um meine Vorurteile gegenüber dem Buddhismus über Bord zu werfen. Ich blieb für zwei Monate in dem Kloster. Durch Meditation zwang ich mein Unterbewusstsein dazu das Dhamma zu begreifen. Da war etwas das nicht los lassen wollte doch es war bereits viel zu spät um zum alten Status Quo zurück zu kehren. Also ließ es los. Es folgte ein Moment absoluter existenzieller Panik und ich musste heulen. Der Hirnfick wurde dadurch perfekt, dass ich über diesen Prozess erst eine Stunde zuvor in den Dhamma Reden von Ahjan Chah gelesen hatte. Die nächsten vier Wochen lief ich wahnhaft und selbstentfremdet durch die Gegend während mein Unterbewusstsein einen Neustart machte.
Der Verstand eines Egomanen ist chronisch überstrapaziert. Millionen von Impressionen werden durch den Kontext-Filter gejagt. Werden kategorisiert, evaluiert und kreuzverlinkt. Und wenn mal keine frischen Impressionen eintrudeln setzt die Tagträumerei ein. Ein permanentes und absurdes Bemühen eine Weltformel zu konstruieren. Das ist die Hölle! Wie können wir noch wir selber sein wenn wir nie damit fertig werden unser Ego zu definieren? Wir verlieren uns in dem Kreisdenken und verschwenden Energie. Das ist extrem wichtig zu verstehen! Nichts schlaucht den Verstand mehr als chronisches Denken. Wir alle suchen nach einem Ausweg aus der Kontext Hölle. Extremismus, Fetischismus und Hedonismus sind die Folge. Das Konzept von Frieden finden wir alle ganz toll, aber wenn sich nach fünf Minuten Meditation Langweile breit macht gehen wir lieber wieder der üblichen Prokrastination nach. Da drängt sich eine Frage auf. Wie ist es überhaupt möglich, dass mein Verstand sich von seiner eigenen Gegenwart langweilt?
Seid Galileo Galilei dem Vatikan das Teleskop vorstellte schaut man im Westen auf die Bausteine des Universums. Im Osten richtet man seid 2500 Jahren das Teleskop nach innen. Buddhisten haben eine andere Einstellung zur Wirklichkeit. Investigativ statt interpretativ. In der Theorie gibt es drei Faktoren die den mittleren Weg zu innerem Frieden bilden: >Konzentration, Anstand, Weisheit Die Volkskrankheit der Deutschen, chronisches Denken, steht im direkten Zusammenhang mit mangelnder Weisheit. Das Buddhistische Verständnis von Weisheit lässt sich im Westen am ehesten mit Intuition übersetzen. Das ist wie Autofahren: Nachdem wir den Schein gemacht haben wird es zum Automatismus. Die Intuition übernimmt das Steuer. Weisheit ist der Schein für den eigenen Verstand.
Das Klosterleben bietet die perfekten Umweltbedingungen für Feldstudien in Sachen Ignoranz. Jeden Tag gibt es diese kleinen Konfliktsituationen. Wir können uns dabei beobachten wie wir unsere Komplexe in Situationen projizieren die uns eigentlich gar nichts an gehen. Es ist nicht mein Kloster, ich bin freiwillig hier, niemand übt auch nur einen Hauch von Gruppenzwang auf mich aus, ich zahle kein Geld und ich habe nichts besseres zu tun. Warum mache ich mir dann das Leben so schwer? Es ist so schrecklich anstrengend Meinungen zu haben. Meinungen über Dinge.
Erst wenn wir uns an der Meditation versuchen wird uns klar wie dringend wir sie brauchen. Es muss nur mal jemand in der Meditationshalle husten und wir sind auf 180. Der Verstand gibt einfach keine Ruhe. Alle paar Sekunden setzt das Kreisdenken ein und wir suchen kontinuierlich nach einer Ablenkung. Unterhaltungselektronik ist untersagt aber es gibt genügend Gelegenheiten sich an etwas zu klammern. >Mit Leuten reden, Tee Trinken, Spazieren gehen, Bücher lesen, Süßigkeiten essen Es gib immer etwas zu tun. Bloß keine Meditation neben den Formalen Sitzungen.
Blinde sehen nicht. Taube hören nicht. Tomaten denken nicht. Unsere Gedanken sind wie ein Tinnitus, wenn wir keinen Frieden mit ihnen schließen treiben sie uns in den Wahnsinn. Meditation hilft das chronische Kreisdenken zu durchschneiden. Wir sind stets bemüht einen Zustand fortwährender Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten. Wir Menschen haben genug Hirnkapazität unseren Verstand mit manuellem Getriebe zu fahren. Der mentalen Lethargie geht es so an den Kragen. >"Alles was ich anfasse wird neu", sagte der Zen Meister im Bambus Wald In der formalen Meditation bietet sich am besten der eigene Atem an um die Aufmerksamkeit zu trainieren. Wir meditieren den Atem, wir sind der Atem. Das ist fuer unseren diffusen Verstand derart ungewohnt, dass uns davon schwindelig wird. Im Alltagsleben ist die Körperbeobachtung ist da das Mittel zum Zweck. Durch den Körper erden wir den Verstand in der Gegenwart und wir sind erstaunt was uns unser Körper mitteilt wenn wir uns die Zeit nehmen ihm zu zu hören. Nämlich, dass sich unser Gemütszustand im Körper manifestiert und direkt meditieren lässt. Wenn ich mich stresse kneife ich die Muskeln in den Augenwinkeln an. Wenn ich Scheisse baue wird mir der Magen flau. Wenn Liebe empfinde habe ich Wärme in der Brust. Wenn ich Tagträume geht meine Sicht ins Off. Und warum ziehe ich eigentlich permanent den Bauch ein? Auch nervöse Ticks wie das kauen der Fingernägel oder wippen mit den Beinen sollten Beobachtet werden. Das sind alles wichtige Mediationsobjekte, jeder Mensch sollte seine eigenen Stressindikatoren kennen. Das wirkt dem Kreisdenken vehement entgegen. Erwähnung finden sollte in diesem Zusammenhang die Metta-Meditation. Die Manifestierung der Liebe lässt sich 'künstlich' erzeugen und dann meditieren. Das beruhigt einen zornigen Verstand.
Die Frage "Hörst du dir eigentlich beim reden zu?" haben wir alle schon mal gehört. Jetzt hören wir uns beim denken zu. Der Nachbar hat das Radio an und wir hören mit. Wir denken so viel ueber das Denken, dass das Denken von alleine den Gedanken nachdenkt. Das ist wie ein Hund der seinen eigenen Schwanz jagt bis er ermüdet zusammen bricht. Ich habe mein Ego kartographiert. Ich habe eine bemerkenswert kleine Anzahl vom Denkemustern die ineinander greifen: >Alle sind gegen mich. Größter anzunehmender Unfall. Alles halb so schlimm. Freunde, Feinde und Familie. Ich habe recht. Gerade erst passiert. Es war einmal. Was wäre wenn. Will ich haben. Will ich los werden. Will ich behalten. Will ich nicht haben. Ich werde sterben. Mein Ego ist ein Affenstall. Habe ich mich wirklich mein Leben lang mit meinen eigenen Gedanken identifiziert?
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